Mitten in der Gesellschaft

Mitten in der Gesellschaft angekommen.

Tagung „70 Jahre nach Kriegsende – Russlanddeutsche gestern und heute“

Namhafte Politiker und Vertreter der Öffentlichkeit, Deutsche aus Russland und Einheimische versammelten sich am 7. Dezember in der Vertretung des Freisstaats Thüringen in Berlin, um über Aspekte der deutsch-russischen Beziehungen und deren Folgen für die Gegenwart zu sprechen. Die Tagung, die den Namen „70 Jahre nach Kriegsende – Russlanddeutsche gestern und heute“ trug, fand in Zusammenarbeit der Deutschen Gesellschaft e.V. mit der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland und ihrer Jugendorganisation statt.  

Auf der Liste der hochkarätigen Gäste standen unter anderem Hartmut Koschyk, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen, Heinrich Zertik, MdB, Bundesreferent für politische Bildung der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Waldemar Eisenbraun, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V., Olga Martens, Stellvertretende Vorsitzende des internationalen Verbandes der deutschen Kultur und Vladimir Grinin, Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der Russischen Föderation. 

In seinem Grußwort begründete Waldemar Eisenbraun die Wahl des Tagungstitels: „Wir haben das Thema nicht zufällig gewählt. Wir sprechen von einer Zeitspanne, in der zwei bis drei Generationen in Frieden aufwachsen konnten. Zunächst ist es positiv formuliert. Wir wünschten uns, wir hätten sagen können – 70 Jahre ohne Krieg in Europa.“

Auch Hartmut Koschyk ging in seiner Rede auf die Themen Krieg und Flüchtlingskrise an: „Die Herausforderung der internationalen Krise bekommen wir in Deutschland besonders zu spüren. Jeden Tag kommen circa zehn Tausende Flüchtlinge nach Deutschland“. Koschyk zog Parallele zwischen der tragischen Geschichte der Russlanddeutschen im 20. Jahrhundert und der heutigen Flüchtlingskrise: „Für alle, die wie die Russlanddeutschen und die Heimatvertriebenen insgesamt unter den Folgen des zweiten Weltkrieges besonders zu leiden hatten, ist die Lage von Bundeskriegsflüchtlingen und aus verschiedenen Gründen Asylsuchenden in Deutschland besonders nachvollziehbar.“ Heinrich Zertik wandte sich gegen direkte Vergleiche zwischen Deutschen aus Russland und anderen Zuwanderern: „Ich bin immer skeptisch, wenn man uns „Zuwanderer“ nennt. Wir, Deutsche aus der ehemaligen Sowjetunion, sind nicht Zuwanderer, wir sind Heimkehrer“. Der Bundesvorsitzende der Jugendorganisation der LmDR Walter Gauks ging auf das Thema Pluralismus ein und leitete zur Podiumsdiskussion im Rahmen der Tagung über, die unter folgendem Titel stand:

„Aufbruch der neuen Generation – Stimmen junger Russlanddeutscher“

Auch junge Deutsche aus Russland sollten bei der Tagung gehört werden. In erster Linie ging es um die Frage der eigenen Identitätsfindung. Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion – alle mittlerweile erfolgreich in Deutschland – sagten: In Deutschland wurden sie auch schon mal als "Russen" abgestempelt. „Die Menschen wollen sich damit gar nicht auseinandersetzten, was ist ein Russlanddeutscher? Wir müssen manchmal erklären, dass wir keine Russen, sondern Deutsche aus Russland sind“, sagte Dietmar Schulmeister, Stellvertretender Bundesvorsitzender bei RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten), Pressesprecher der LmDR, Landesgruppe NRW.

Die Aktivistin des Jugendverbandes der Landsmannschaft, die Sängerin Helena Goldt, steht überzeugt zu ihrer Herkunft und findet es äußert bedauerlich, dass einige russlanddeutsche Jugendliche sich nicht offenbaren wollen:  „Ich hatte eine russlanddeutsche Mitschülerin, die sogar ihre eigene Identität verleugnet hat. Das hat mich extrem schokiert.“

Jannis Panagiotidis, Juniorprofessor für Russlanddeutsche Migration und Integration am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien, hatte in seinem Vortrag kurz vor der Podiumsdiskussion erklärt, dass die zweite Generation der Russlanddeutschen in Deutschland tatsächlich kaum als solche zu erkennen sei: „Die in Deutschland geborenen Kinder der Russlanddeutschen sind deutsche Staatsbürger, die nicht einmal über den Geburtsort als „russlanddeutsch“ zu identifizieren sind. Diese zweite Generation, die Nachgeborenen, sind jetzt erwachsen. Die haben vielleicht schon selber Familien, sie gehen zur Universität, sie drehen Berufsleben.“ Dadurch, dass die Jugendlichen mit dem sogenanntem „russlanddeutschen“ Hintergrund hier geboren und aufgewachsen wurden, haben sie diese gewisse „Unsichtbarkeit“, so Panagiotidis.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion, die großenteils im frühen Kindesalter nach Deutschland übersiedelten, möchten die Geschichte ihrer Vorfahren vermitteln. „Ich finde es schade, dass man hier sehr wenig über unsere Geschichte weiß“, meinte etwa Helena Kolb. So auch Dietmar Schulmeister: „Wir müssen versuchen, als Transmitter unsere Geschichte den Deutschen nahe zu bringen, damit sie auch wissen, wer wir eigentlich sind. Wir möchten gehört werden.

 

Die Künstlerin Alwina Heinz rief zu mehr Toleranz gegenüber anderen auf: „Die Gesellschaft ändert sich ständig, und jeder kann für sich selber gucken, welche Interessen er vertritt. Man soll Akzeptanz und Verständnis für unsere alte Geschichte haben sowie für die Geschichten anderer Volksgruppen.“ 

 

Georg Dege, Beauftragter für Aussiedlerfragen der CDU im Berliner Bezirk Spandau, fand, dass Russlanddeutsche keinem mehr was beweisen müssen: „Es gibt viele Russlanddeutsche, die sich hervorragend engagieren. Und ich denke, es reicht einfach, wenn wir zeigen, dass wir gute Arbeit leisten.“ Die Deutschen aus Russland stünden jedoch erst ganz am Anfang ihrer politischen Teilhabe in der deutschen Gesellschaft und sollten sich da aktiver einbringen. „Ich bin gerne hier, um zu sagen, dass es sich lohnt, sich politisch zu engagieren“, so der junge Politiker.

 

Auch das Thema Jugendarbeit wurde bei der Podiumsrunde angeschnitten. Hier waren sich Jugendliche einig – Zusammenhalten verspricht Erfolg. „Das Wichtigste ist, dass wir als eine Einheit auftreten, zum Beispiel bei der Jugendorganisation der LmDR,“ meinte Dietmar Schulmeister. Wer sich bei der Jugendarbeit engagiert, lerne auch etwas für sich selber. Er bekomme interkulturelle Kompetenzen vermittelt und lerne, Verantwortung zu übernehmen. Wer sich in der Landsmannschaft engagiere, leiste zugleich etwas für die gesamte Volksgruppe. 

 

Walter Gauks fasste seine Eindrücke folgendermaßen zusammen:„Ich freue mich, dass wir schon auf der Tagung neue Ideen für das Jahr 2016 geschmiedet haben. Es war eine wichtige und notwendige Tagung. Ich danke allen, die sich aktiv eingesetzt haben. Großer Dank gilt Herrn Roessel von der Deutschen Gesellschaft für die tolle Zusammenarbeit“.

 

Lena Arent

 

 

 


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