Mitten in der Gesellschaft

Mitten in der Gesellschaft angekommen.

ICH BIN NICHT HELENE.

Natürlich bewundere ich Helene Fischer! Das ist ja DIE Russlanddeutsche! Sie hat es geschafft! Eine wunderschöne Frau, äußerst talentiert, großartige Stimme, tolle Performerin. Ja, eine richtige Rampensau, wenn man es sogar so bisschen grob ausdrücken darf. 

Helene Fischer ist unser Star! Das ist unser aller Stolz. Sie ist uns allen ein Vorbild. Es gibt nur sie! Die einzig Wahre. Die Helene Fischer. Es gibt nur Helene Fischer und sonst niemand anderen. Sie ist unsere Stimme. Unser Symbol. Sie repräsentiert alle Deutschen aus Russland. Wir können uns alle mit ihr identifizieren. Alle. Nur ich nicht. Ich bin nicht Helene.

Vielleicht bin ich die einzige, die diesem Helene-Wahn trotzt. Auch wenn - ist mir egal. Ich ertrage es bloß nicht mehr. Ich bin es leid. Sobald es um Russlanddeutsche geht, hört man als allererstes den Namen „Helene Fischer“. Das ist allen ein Begriff. Als ob es unter unseren drei Millionen sonst niemanden mehr gibt. Wie kann man drei Millionen auf eine einzige Person reduzieren?

Ich bin es leid Helene Fischer mögen zu müssen. Warum muss ich sie mögen? Nur weil sie zufällig auch in der Sowjetunion geboren ist, wie ich? Weil unsere Vorfahren das gleiche Schicksal hatten? Ist das etwa das einzige Argument? Mehr gibt es nicht zu bieten?

Für mich ist Helene Fischer nichts weiter als EINE Sängerin. Eine von vielen. Unendlich vielen deutschen Sängerinnen, die ich ganz toll finde, aber mehr auch nicht! Ich bin so oft unterwegs und Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie präsent Helene Fischer überall ist. Dort, wo es um Deutsche aus Russland geht. Ob kulturelle, politische oder wissenschaftliche Veranstaltungen: Helene Fischer ist das Maß aller Dinge, scheint mir so. Wie leid ich es bin, dass bei diesen Veranstaltungen Videos und Audios von Helene Fischer abgespielt werden. Und wir müssen uns freuen, jauchzen und am besten Rückwärtssalto machen, weil UNSERE Helene, die Göttin aller Russlanddeutschen, auch wenn nur durch Audio oder Video - aber anwesend ist!

Wie oft habe ich mich dazu gezwungen sie zu mögen. Ich habe ihre Videos im Internet und Konzerte im TV angeschaut. Aber es tut mir leid. Ich spüre nichts. Es ist eine absolute Leere, wenn ich sie sehe oder höre. Sie hat ganz nette Lieder. Nein, sie hat sogar ein paar großartige Lieder! Aber erstens ist das überhaupt nicht meine Musikrichtung. Allgemein nicht. Ich kann sie hin und wieder mal hören, aber nicht durchgehend. Zweitens, sie möge doch bitte aufhören auf Russisch zu singen. Und Ukrainisch bitte auch gleich lassen. Das ist wirklich teilweise grenzwertig. Dieses erzwungene „Russischsein“. Wenn sie Russisch singt, dann klingt meine Muttersprache so seelenlos, dass ich am liebsten mein Handy bzw. Notebook zerschrotten möchte. Show, Show, Show. Kein Herz, kein Gefühl, nicht einmal eine gescheite Aussprache… Aber abgesehen von phonetischen Schwierigkeiten - sie spürt diese Musik einfach nicht. Es ist eine furchtbare Verzerrung von russischer Musik. Dem Sinn und Inhalt der russischen Seele. Dieses Herumgehopse und dieses Herumzucken, ABER die Massen toben! Und das ist was zählt.

Jetzt sehe ich schon die Fans von Helene Fischer die Messer schärfen und mir Neid und sonst was vorwerfen. Absolut nicht. Wie bereits gesagt - sie ist eine großartige Sängerin und Entertainerin. Aber ich, als Russlanddeutsche, identifiziere mich absolut nicht mit dieser Frau. Und ich frage mich, wer diese Muster, diese Regel überhaupt aufstellt? Wohin man schaut, brüsten sich alle mit Helene Fischer.

In meinen Augen ist sie keine Repräsentantin unserer Volksgruppe. Ich bin nicht Helene. In keinster Weise. Es gibt nichts, was ich dieser Frau abgewinnen kann. Und es macht mich wütend, dass wir alle nur auf diese eine Person reduziert werden. Gibt es doch so viele russlanddeutsche Kulturschaffende, die unsere Volksgruppe in einem viel besseren Licht präsentieren.

So viele Künstler, russlanddeutscher Herkunft, aber sie scheinen alle im Schatten von Helene unterzugehen. Diejenigen, die sich wirklich für die Belange unserer Landsleute einsetzen. Diejenigen, die uns eine Stimme geben, die Fahne hoch halten, sich ihrer Herkunft nicht schämen und Probleme offen ansprechen. Diejenigen, die ich anschaue und mir denke: Ja, so bin ich!

Menschen, die mich mit ihrer Musik, ihren Liedern, ihrer Literatur, ihren Bildern oder sogar Filmen beeindrucken und berühren. Die mir, mit ihrer Kunst, aus der Seele sprechen.

Das sind für mich die Stimmen der Deutschen aus Russland. Sie alle. Denn es sind so unglaublich viele. Für jeden von uns gibt es irgendwo die passende Stimme.

Aber ich bin nicht Helene. Und ich bin auch nicht die einzige, die so denkt und fühlt. Der Unterschied ist nur, dass ich gerne und oft laut denke.

Ich habe nichts gegen Helene Fischer. Ich finde sie nach wie vor toll. Bald ist Fasching und ich werde zu ihren Liedern genauso abtanzen, wie alle anderen. Sie ist für mich die Schlagerkönigin. Aber nicht die Königin der Deutschen aus Russland. Und Punkt.

Katharina Martin-Virolainen

 

 


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