Erfolg durch Ehrenamt

Erfolge in der ehrenamtlichen Arbeit.

Türöffner und Brückenbauer: Roman Friedrich, Vorsitzender der Jugend-LmDR in Nordrhein-Westfalen

Am 25. November 2016 wurde in NRW der neue Landesverband unserer Jugendorganisation gegründet. Zum Landesvorsitzenden wählten die Jugendlichen einstimmig den erfahrenen Soziologen und Erzieher Roman Friedrich, der sich seit vielen Jahren der Arbeit mit problematischen Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen widmet. Nun stellt er sich uns selber vor: 

Wie bin ich?

Es würde mir sehr schwer fallen, mich selbst einschätzen zu müssen. Andere könnten mich bestimmt viel besser beurteilen. Als Streetworker bin ich schon seit zehn Jahren in sozialen Brennpunkten unterwegs. („Streetworker“ ist ein Sozialarbeiter, der mit delinquenten und straffälligen Jugendlichen arbeitet – Anm. d. Red.) Zum Teil ist es auch mein Persönlichkeitsmerkmal. Ich bin Türöffner und Brückenbauer, der gerne verschiedene Menschen und Kulturen zusammenbringt.

Meine Familie

Die Familien meiner Großeltern wurden aus Wolga Region zusammen mit vielen anderen Russlanddeutschen aus der Wolgaregion nach Sibirien deportiert. Meine Großmutter väterlicherseits erzählte nur sehr wenig über diese Zeiten. Nur, wie sie aus der „Trudarmee“ floh. Mein Großvater erwähnte nie seine Vergangenheit. Ich wusste lediglich, dass seine Eltern repressiert wurden und er von seinen Geschwistern getrennt wurde, indem man sie alle in unterschiedliche Heime steckte.

Die Kontakte gingen verloren. Erst ca. 20 Jahre nach dem Krieg fand mein Großvater durch Zufall seinen Bruder, der mit seiner Familie ebenfalls in Omsk lebte und seit seiner Kindheit einen völlig anderen Namen hatte.

Meine Großmutter war religiös und versammelte sich heimlich mit anderen Frauen aus dem Dorf und las aus einer uralten Bibel. Daran kann ich mich sehr gut erinnern. Sie zog sechs Kinder groß.

Mein Vater sprach bis zur Einschulung, wie er mir selbst erzählte, nur Deutsch. In der Schule wurde es ihm aber verboten; dadurch verschlechterten sich seine Deutschkenntnisse allmählich mit der Zeit.

Die Großeltern mütterlicherseits stammen aus der Ukraine. Auch sie wurden repressiert und nach Sibirien verbannt. Daher habe ich eine „multiple“ Identität. Meine „deutsche“ Identität war jedoch dominierend und spielte wichtigste Rolle in meinem Schicksal.

Ich wuchs in Omsk auf, wo es schon viele Russlanddeutsche gab. Trotzdem hatte man es nicht immer leicht, sich als Vertreter dieser Minderheit in der Gesellschaft zu etablieren. Schon in der Schulzeit gab es viele Konflikte aufgrund meines „Deutschseins“ zwischen mir und meinen Klassenkameraden. Erst im Nachhinein konnte ich diese Zwischenfälle als Diskriminierung definieren. Damals war es für mich Alltag, mindestens zweimal im Monat als „Fritz“ oder „Faschist“ beschimpft zu werden. Ich musste sozusagen meine Ehre verteidigen und mich behaupten, da ich auf gar kein Fall als solcher abgestempelt werden wollte.

In Russland führte ich ehrenamtlich Beratung und Coaching für Drogenabhängige durch, weil viele meiner Klassenkameraden süchtig geworden waren. Einige starben sogar.

Ausreise nach Deutschland

Meine Eltern hatten Antrag gestellt und eigentlich alle Formalitäten erledigt. Ich war absolut passiv, da ich relativ gut situiert war, einen Job in Moskau hatte und eigentlich nicht vorhatte, nach Deutschland auszureisen. Ich ließ mich jedoch von meinen Eltern überzeugen und letztendlich bin ich ihnen dafür unendlich dankbar, da für mich hier in Deutschland absolut neue Perspektiven eröffnet wurden. Ich kann mich hier viel besser verwirklichen, sowohl im beruflichen Sinn auch im Rahmen der individuellen Persönlichkeitsentwicklung, als wenn ich in Russland geblieben wäre.

In Deutschland habe ich unterschiedliche Jugendprojekte initiiert und durchgeführt sowie zwei Jugendeinrichtungen geleitet. Parallel bin ich seit über zehn Jahren als Straßensozialarbeiter, also Streetworker, hauptsächlich für unsere Zielgruppe tätig. Vom Beruf bin ich Erzieher und Soziologe.

Was ist gute Jugendarbeit?

Eine gute Jugendarbeit ist für mich eine Arbeit, die nicht an den Bedürfnissen der Jugendlichen vorbeigeht. Die Jugendlichen sollten sich kreativ, sportlich etc. frei entfalten können und befähigt werden, bei gesellschaftspolitischen Prozessen mitzumachen. Es ist auch sehr wichtig, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass wir, die junge Generation der Russlanddeutschen, unserer Gesellschaft in allen Bereichen etwas bieten können. Für die Mehrheitsgesellschaft besteht meiner Meinung nach immer noch der Aufklärungsbedarf, was dieses Thema angeht.

Meine Freizeit

Freizeit habe ich jetzt wenig. Ich möchte gerne meinen drei Kindern etwas mit auf den Weg im Leben geben und nutze meine freien Momente dafür, mit ihnen was zu unternehmen. Aus meiner Sicht komme ich aber selten dazu.

Gerne lese ich auch. Geschichtsbücher sind meine Leidenschaft, und wenn ich ein paar Minuten Zeit dafür zusammenkriege, genieße ich sie. Ist für mich momentan aber eher ein „Luxusartikel“. Außerdem treibe ich gerne Sport und wenn ich Zeit habe, gehe ich ins Boxstudio.

Was sage ich unserer Jugend?

Ich würde den jungen Russlanddeutschen empfehlen, ihre eigenen Wege zu gehen. Seid souverän, unbeeinflussbar, aber auch nicht apolitisch. Ihr habt jetzt die Chance, unsere Gesellschaft mitzugestalten. Nicht jede Bevölkerungsgruppe hat diese Möglichkeit.

Eure nicht seltenen Diskriminierungserfahrungen und die euren Eltern können – ebenso wie die positiven Erfahrungen eurer gelungenen Integration – Bausteine für eine bessere und gerechtere Gesellschaft in der Zukunft werden. Nutzt bitte diese Gelegenheit und macht die Welt für die neuen Generationen besser! Die Jugendorganisation der Deutschen aus Russland kann euch dafür eine perfekte Plattform anbieten.


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