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Einfach nur so.

Pädagogik auf der Straße - Der Streetworker Roman Friedrich und seine internationale Kundschaft

Im November 2016 wurde die Jugendorganisation der LmDR mit der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen um eine neue Gliederung erweitert. Zum Vorsitzenden der Landesgruppe wählten die jungen Delegierten einstimmig den erfahrenen Soziologen und Erzieher Roman Friedrich. Seit mehr als zehn Jahren widmet sich der Deutsche aus Russland der Arbeit mit zur Kriminalität neigenden Jugendlichen, die er ohne jede Scheu auf Kölner Straßen anspricht. Über seine Tätigkeit als Streetworker erzählte er unserer Redaktion in nachstehendem Interview.

Lena Arent: Was versteht man unter den Begriffen „Streetworker“ und „Streetwork“? Wodurch wird diese Arbeit gekennzeichnet?

Roman Friedrich: Einfach ausgedrückt, ist Streetworker ein Straßensozialarbeiter, der seine „Klienten“, meist Personen mit unterschiedlichsten Problemlagen, da abholt oder erreicht, wo sie gerade sind – auf der Straße. Meistens handelt es sich um Personengruppen, die durch keine anderen Angebote oder Institutionen erreicht werden.

„Streetwork“ allerdings ist weit mehr als „nur“ Straßensozialarbeit. Dazu gehören in der Regel Netzwerkarbeit, Einzelfallhilfe, Gruppenangebote für die Zielgruppe, Arbeit mit den Eltern der betroffenen Jugendlichen und vieles mehr. Diese Arbeit erfordert sehr viel Flexibilität, Frustrationstoleranz, Ausdauer, Kreativität, Einfühlungsvermögen, Umgang mit Nähe und Dis­tanz und deeskalierende Techniken. Am wichtigsten aber ist nach meiner Meinung die Fähigkeit, abschalten zu können.

Wer sind diese „problematischen“ Jugendlichen, mit denen du arbeitest?

Ich würde das Wort „problematisch“ nur ungern benutzen, da es für mich oft Jugendliche sind, die noch vor großen Herausforderungen stehen, die in der Ge­­­sellschaft vielleicht sehr kritisch wahrgenommen werden, aber ganz dankbar und „pflegeleicht“ sein können, wenn man sich ihnen zuwendet.

Sie kommen aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen. Inzwischen hatten sich die Jugendgruppen stark vermischt. Ganz konkret haben wir 121 Nationalitäten hier in Köln-Chorweiler und mit all denen arbeiten wir.

Die Probleme sind sehr unterschiedlich. Oft sind es Multiproblemlagen: Schulden, Gewalt auf der Straße, in der Schule und in der Familie, Stress am Berufsausbildungsplatz oder mit dem Arbeitgeber, Arbeitslosigkeit, fehlende Abschlüsse, Suchtproblematiken, Radikalisierung, Mobbing, Integrationsschwierigkeiten, Justizprobleme etc.

Ist es schwierig, mit den Jugendlichen auf der Straße in Kontakt zu kommen?

Nein, wir sind gut erkennbar mit unseren Streetworkerausweisen und -jacken und gehen aktiv auf die Leute zu. Wir nennen einfach ein paar Namen von Jugendlichen, denen wir schon geholfen haben, und das überzeugt meistens. Ein Telefonat, und sie wissen schon alles über uns.

Das erleichtert die Arbeit sehr und spart jede Menge Zeit, die sonst für den Aufbau von Vertrauen benötigt würde. Es gibt natürlich äußert misstrauische Klienten. Dann braucht man einfach mal mehr Zeit.

Wo findest du deine „Klientel“?

Ich bin seit fast zehn Jahren hier als Streetworker tätig, und inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass es Streetworker gibt, die Hilfe anbieten. Wir kriegen so viele Anfragen, dass wir sie kaum noch bearbeiten können. Daher gibt es keinen großen Bedarf, sich auf die Suche nach „Klienten“ zu begeben.

Allerdings gehört aufsuchende Arbeit einfach zu den Standards von Streetwork. Wir sind deshalb regelmäßig auf der Straße und holen tatsächlich oft neue Klienten ins Boot, die durch alle Hilfssystemnetze gefallen sind und dringend Unterstützung brauchen.

Wie sieht dein beruflicher Alltag aus?

Ehrlich gesagt, fängt mein Arbeitstag mit sehr unspektakulären Aufgaben an: Dokumentation, Korrespondenz, Verwaltung und Organisation. Streetwork braucht auch das.

Dann orientiert sich mein Arbeitsalltag an den aktuellen Notfällen, und erst nach dem Krisenmanagement können die anstehenden

Termine mit Klienten und Netzwerkpartnern wahrgenommen werden.

Der Tag wird in der Regel mit Streetworkeinsatz in den späten Arbeitsstunden beendet, wenn die Jugendlichen und jungen

Erwachsenen sich öffentlich in Räumen und auf Plätzen treffen.

Wir arbeiten sehr unterschiedlich, abwechslungsreich und immer bedarfsorientiert. Jeden Moment kann es zu einer Krise kommen, bei der du schnell intervenieren musst, um deinen Klienten zu helfen.

Warum ist deine Wahl auf „Straßenpäda­gogik“ gefallen?

Zufall. Ich bin während meiner Erzieher­ausbildung mit einem Projekt mit straffälligen russischsprachigen Jugendlichen beauftragt worden. Dabei fand ich Geschmack an dieser Tätigkeit und merkte, dass ich das besser als alles andere machen kann.

Ich habe danach versucht, zu anderen Tätigkeiten zu wechseln, habe einige Jugendeinrichtungen geleitet, dann aber doch festgestellt, dass ich Straßenpädagogik mehr mag. Ich empfinde sie für die Arbeit mit unseren Jugendlichen, die ja die Zukunft unserer Gesellschaft sind, als viel effektiver.

Warum werden Jugendliche überhaupt delinquent?

Es gibt unterschiedliche Umwege in die Straffälligkeit, die eigentliche Ursache liegt aber oft in den familiären Beziehungen: fehlende Akzeptanz und Empathie, Ignoranz, fehlende Fürsorge seitens der Eltern. Ferner sind es negative Einflüsse aus dem Freundeskreis und Beeinflussungen durch die Medien.

Wie warst du selbst als Jugendlicher? Hattest du ebenfalls Probleme, oder verlief dein Erwachsenwerden eher reibungslos?

Rebellisch war ich auf jeden Fall. Kein Geschenk für meine Eltern. Deshalb bin ich ihnen unendlich dankbar, dass sie mich trotz meines Verhaltens nie allein gelassen haben. Ich wusste immer, dass ich ein Zuhause habe.

Was würdest du Eltern mit auf dem Weg geben, damit ihre Kinder nicht außer Kontrolle geraten?

Seid positive Beispiele für eure Kinder. Worte bringen nichts. Schätzt jeden Moment, den ihr zusammen mit euren Kindern verbringt. Gestaltet die Freizeit eurer Kinder mit und achtet darauf, dass sie gute Hobbys haben, die für ihre persönliche Entwicklung erforderlich sind. Achtet auf die Freunde eures Kindes: Was haben sie für Interessen, welches Elternhaus, welche Charaktereigenschaften? Baut vertrauensvolle, respektvolle Beziehungen zu eurem Kind auf. Bleibt im ständigen Austausch mit eurem Kind, um im Bedarfsfall schnellstmöglich intervenieren zu können.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg bei deiner spannenden Arbeit!


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