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Deutsche unter Finnen

Auszug aus der Erzählung von Katharina Martin-Virolainen "DREIECKSTANZ" 

[...]

Unter all diesen Russen, Finnen und Kareliern war und blieb ich eine Deutsche. Obwohl ich mich so gar nicht gefühlt habe. Wie fühlt man sich denn so als Deutsche? Das konnte ich damals als Kind nicht beantworten.

Wollt ich doch so gerne lieber eine Finnin sein! Oder noch besser – Karelierin! Oder auch eine Russin! Aber so fühlte ich mich ständig wie ein Fremdkörper: Eine Deutsche in Russland unter Finnen und Kareliern.

 

Mein Wunsch als Finnin oder Russin durchzugehen, wollte sich einfach nicht erfüllen. Erstens hieß ich weder Petrowa, noch Iwanowa, noch Haimi oder Savolainen, sondern kurz und knapp und so richtig deutsch: Martin. Und dazu noch Katharina – nein, nicht typisch russisch Jekaterina! Meine Eltern haben mich aus Prinzip gleich mit einem deutschen Namen gesegnet. Und als i-Tüpfelchen hieß ich mit Vatersnamen auch noch Ottowna.

In der Schule durfte ich kein Finnisch lernen, weil es parallel zum Deutschunterricht lief, den ich auf Anordnung meiner Mutter besuchen musste, weil ich ja eine Deutsche bin und meine Mutter meinem Vater und seiner Herkunft gegenüber sehr viel Respekt zeigte.
Und zu allem Übel kam auch noch der gefürchtete Geschichtsunterricht dazu mit dem Thema: Zweiter Weltkrieg und das deutsch-russische Verhältnis. Obwohl meine Klassenkameraden sich nichts anmerken ließen und keine bösen Kommentare in meine Richtung abgaben, spürte ich ihre Blicke und sah den ein oder anderen ständig zur mir herüber schielen. In diesen Momenten wollte ich am liebsten meine Geburtsurkunde auffressen.

So war und blieb ich eine ewige Njemka und habe mich auch irgendwann damit abgefunden. Ich habe nicht mehr danach gestrebt als Finnin anerkannt zu werden. Irgendwann fand ich an meiner Rolle als Deutsche sogar Gefallen. Dann bin ich eben nicht so wie die anderen. Ja, dann bin ich eben einzigartig!

Als ich in der fünften Klasse war, behandelten wir im Musikunterricht das Thema: Geschichten- und Liedergut des finnischen Volkes. Dabei kamen wir auf das typische Aussehen bestimmter Völker zu sprechen. Da sagte Swetlana Michajlowna:
„Viele Finnen sind groß, haben helle Haut, wie es für die nordischen Völker üblich ist, blaue Augen und helle Haare. So wie unsere Katjenka hier, sie ist eine wahrhaftige Finnin!“
War das ein Triumph! Stolz schaute ich in die Runde und sonnte mich in den begeisterten und bewundernden Blicken meiner Klassenkameraden. Ha, gehört? Keiner sieht finnischer aus als ich!

Dass ich eigentlich meinem deutschen Vater ähnlich sehe, habe ich vorsätzlich verschwiegen. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich offiziell in die finnische Gemeinschaft aufgenommen.
Kaum habe ich mich an meine neue Rolle gewöhnt, ereilte mich eine Neuigkeit wie ein Donner vom Himmel: Wir ziehen nach Deutschland!

Milliarden Gedanken stauten sich in meinem Kopf. Warum denn nach Deutschland? Was soll ich da machen? Ich spreche doch kaum Deutsch! Meine Heimat ist Russland, meine Muttersprache ist Russisch, meine Seele ist russisch! Der Gedanke an die Trennung von meinem geliebten Heimatland brachte mich um den Verstand. Plötzlich erschien mir alles russische so heimatlich, so vertraut, so geliebt. Doch die Antwort meines Vaters war klar und ernüchternd: „Wir sind Deutsche und wir gehören nach Deutschland.“

Auch wenn meine Eltern, Freunde und Verwandte im Chor beteuerten, dass das Leben in Deutschland viel besser wäre, fand ich keine Ruhe. Geht es einem Fisch, der aus dem Fluss gezogen und auf die schönste Wiese geworfen wird, etwa unter den duftenden Blumen besser als in seinen kalten Gewässern? Nie zuvor habe ich mich so sehr als Russin gefühlt. Russin durch und durch. Ich konnte nichts deutsches an mir erkennen und hasste dieses Element sogar, weil es mich nun von meiner geliebten Heimat trennte. Und dann, wieder Pässe, Ausweise, Dokumente, wo immer wieder dieses Wort in zwei Sprachen aufflammte: Njemka/Deutsche.

Unsere Reise in die historische Heimat fing gut an. Unser Visum wurde ab dem 18. August ausgestellt, doch die Tickets haben sie uns für den 17. August verkauft. Ein und die gleiche Agentur wohlgemerkt. Meinem Vater, der unzählige Fahrten in das weitgelegene Sankt Petersburg unternommen hatte und schon am Ende seiner Nerven und Kräfte war, ist das gar nicht aufgefallen. Man verlässt sich manchmal wohl doch zu sehr auf das Gute in Menschen.

So wurde uns die Ausreise per Flugzeug verweigert. Wir mussten den Flughafen verlassen. Doch mein Vater ließ sich nicht unterkriegen! Er besorgte Zugtickets und wir verließen noch am gleichen Abend Sankt Petersburg in Richtung Deutschland.
Unterwegs wurden wir im Zug kontrolliert. Sogar mehrmals. An eine Kontrolle kann ich mich besonders gut erinnern. Es war tiefe Nacht. Die Grenzkontrolleure kamen in unser Schlafabteil und forderten die Ausweispapiere. Ich stellte mich schlafend, kniff die Augen aber so zusammen, dass ich noch was sehen konnte. Die Kontrolleure blätterten in den Ausweisen und schauten meinen Eltern misstrauisch ins Gesicht. Dann sagte einer der Kontrolleure: „Aufwecken!“, und zeigte auf mich und meinen vierjährigen Bruder. Mein Vater schüttelte vorsichtig an meiner Schulter. Ich richtete mich auf und tat so, als ob ich gerade erst aufgewacht wäre.

„Vorname!“, kommandierte der Kontrolleur streng.

„Katharina“, antwortete ich schüchtern.

„Nachname!“, gab er weiter Kommandos ab.

„Martin“, meine Stimme wurde ganz heiser.

„Wie heißt dein Vater?“, er wurde lauter.

„Otto Ewaldowitsch…“, auch ich wurde lauter. Meine Eltern tauschten besorgt Blicke aus.

Der Kontrolleur verglich mein Gesicht mit dem Foto und stellte die letzte Frage:
„Nationalität?“ (Und sowas fragte man mitten in der Nacht in einem Zug, mitten im nirgendwo ein elfjähriges Kind!)

Ich richtete mich auf und bellte genauso laut wie er: „Njemka!“

Der Kontrolleur schaute mich verwundert an und widmete seine Aufmerksamkeit meinem kleinen Bruder Daniel. Nach dem er auch von ihm zufriedenstellende Antworten bekam (Gott sei Dank ließ er da die Nationalitätsfrage aus!), gab er meinen Eltern die Ausweise zurück und sagte: „Ihre Kinder haben aber sehr schöne deutsche Namen!“

[...]

 

Zur Autorin:

Katharina Martin-Virolainen, geboren 1986 in Petrosawodsk in Karelien, Russland. Vater -  Deutscher aus Kasachstan, Mutter - halb Russin, halb Finnin. Siedelte 1997 mit ihrer Familie nach Deutschland um und fand in baden-württembergischen Eppingen ihre zweite Heimat. Seit vielen Jahren ehrenamtlich in den Bereichen Jugend- und Kulturförderung aktiv, mittlerweile auch beruflich in der Jugendarbeit tätig. In ihrer Freizeit schreibt sie Prosa und Gedichte. 


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