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Einfach nur so.

Nicht Fisch, nicht Fleisch. Oder doch Gulasch? Mehrfache Zugehörigkeit(en) und multiple Identitäten

„Erzähl doch bitte niemanden, dass du tatarische und usbekische Wurzeln hast. Das wirkt sich schlecht auf dein Leben aus“ „Warum denn nicht? Ich bin stolz darauf. Außerdem finden es viele ganz klasse, dass ich so einen guten schwarzen Tee aufsetzen kann und ihn in Pialkas serviere“, beruhige ich meine Mama. Meine Mama ist zur einen Hälfte Tatarin und zur anderen Usbekin. Ich weiß, dass sie mich nur beschützen möchte. Denn auch sie bekommt die Hetze auf muslimische Bürger mit.

„Bist du jetzt Russin oder Deutsche?“ Ständig muss man sich rechtfertigen und entscheiden, habe ich das Gefühl. Und nein, ich mag nicht meine tatarischen und usbekischen Wurzeln verbergen, nur weil die muslimischen Mitbürger so drangsaliert und alle über einen Kamm geschert werden. Warum werden wir so oft gezwungen, unsere identitäre Vielfalt zu verbergen?  Mir ist klar, dass wir viele Menschen damit verwirren, wenn wir sagen, dass wir gebürtig aus Russland, Kasachstan oder einem anderen ehemaligen sowjetischen Land sind, jedoch Deutsche sind. „Ach, und übrigens mütterlicherseits sind alle Muslime.“, füge ich oftmals hinzu. Jedes Mal bin ich auf die Reaktion gespannt. Wie kann man sich vor den Fragenden erklären und muss man das überhaupt tun? Ich möchte ein wenig von meiner Perspektive auf diese Dinge erzählen. Vielleicht hat sich der ein oder andere auch schon so gefühlt, wie ich.

Für die ältere Generation unserer Landsmänner und -frauen sind die Themen der Vertreibung, Unterdrückung und Flucht wichtig. Für die jüngere Generation, die hier in Deutschland aufgewachsen ist, spielen ganz andere Dinge eine ganz große Rolle. Wir jungen Menschen stehen unter dem Druck, das Gesicht unserer Volkgruppe zu wahren, indem wir uns am besten ziemlich unauffällig verhalten sollen. Deshalb erinnert mich meine Mama regelmäßig daran, nicht auch noch meinen muslimischen Hintergrund zu erwähnen. Es langt ja schon, dass die Menschen nicht nachvollziehen können, warum ich eine deutsche Staatsangehörigkeit als gebürtige Sibirierin besitze. Ich wiederhole mich jedoch gerne. Meine Vielfalt möchte und werde ich nicht verbergen. Es soll hier kein Protest gegen meine Mama stattfinden, sondern gegen die langweilige Forderung sich anzupassen. Es macht mich traurig zu sehen, welchen Einfluss die Fremdzuschreibungen und Zwänge auf meine Familie und viele unserer Landsmänner und –frauen haben. Meine Mama hatte sich tatsächlich schon öfters überlegt, zum Christentum zu konvertieren. Man ist weder Fisch, noch Fleisch. Aber es gibt doch noch ganz leckere Alternativen. Wie wäre es mit Gulasch? Jeder Bissen bietet etwas Neues.

Dieser Reichtum, denn wir in uns tragen, ist so wertvoll. Es ist kein Geheimnis, dass Deutsche aus Russland von mindestens zwei Kulturlandschaften umgeben sind, aus diesen konstruieren sie ihre Identitäten und Zugehörigkeiten. Ich mag dieses Gulasch. Und doch wird gleichzeitig versucht, diese kulturelle Pluralität zu unterdrücken. Wir müssen nicht gut oder besser als andere Migranten integriert sein. Es hätte viel mehr Wert, wenn wir diese Vielfalt nach außen leben könnten. Damit meine ich alle Migranten. Die Deutschen aus Russland sind durch totalitäre Regime und ständige Unterdrückung vorbelastet. Aus diesem Grund neigen wir vielleicht, uns so ruhig und auffällig zu verhalten. Bis zum Fall „Lisa“ schien es so, als wären wir gar nicht mehr präsent. Für die Gesellschaft und für die Politik waren wir verschwunden. „Ein liegender Stein bewächst mit Moos. Unter ihn fließt jedoch kein Wasser mehr.“ Diese Redewendung finde ich hier ganz zutreffend. Ich akzeptiere und begrüße es, wenn sie anderer Meinung sind.

Meine Eltern hatten sich letztes Jahr wieder auf die große Reise bis zum Ural aufgemacht. Da ich leider nicht mitfahren konnte, habe ich einen Wunsch an meine Eltern geäußert. Sie sollten mir schöne Pialatschki (Schüsselchen) und eine Tübiteika (Scheitelkäppchen) mitbringen. Merkt ihr etwas? Habe ich ein gestörtes Bild meiner Identität? NEIN. (Nur so am Rande. Während meine Eltern im Ural Mamas Verwandte besuchten, wurden sie des Öfteren von kleinen Kindern mit dem Hitlergruß begrüßt. Vielleicht haben sie ja jetzt eine Identitätskrise, lol. Nehmen wir es mit Humor, dann bekommen wir die Möglichkeit, uns Selbst besser zu verstehen.) Ich sehe meine Identität als ein riesiges Puzzle, bei dem ich mir die einzelnen Bausteine zusammensuche und die vorhandenen Lücken fülle. Nun, manchmal zerbricht auch der ein oder andere Baustein. Das ist aber in Ordnung. In einem doch sehr kurzen Menschenleben sollte die Freiheit genutzt werden, sich ständig neu zu erfinden oder auszurichten. Die Identität eines Menschen ist ein organischer Prozess. Diesen sollte man nicht versuchen aufzuhalten, denn genau dann kommt es zu dieser großen Krise.

Vor kurzem erst war ich in einer Synagoge zu Besuch. Dort hatte ich ein wunderbares Gespräch mit einem älteren Herrn. Ein russischer Jude, sein Vater war ein Tatare (Tatarin). Dieser alte Mann sagte etwas ganz Wunderbares zu mir: „Mein liebes Mädchen, wir beide sind doch Halbblütler.“ Diese Aussage hat mir noch mehr Perspektiven auf mein Ich eröffnet. 

Manch ein Soziologe würde sagen, dass wir zwischen den Stühlen sitzen. Mir gefällt jedoch die Vorstellung eines Tanzes besser. Dabei denke ich an einen Walzer, klassisch und elegant. Aber so unter uns, ich lasse gerne auch ein wenig Freestyle und Bachata hinein. Ich rate jedem jungen Menschen, aus seinen vielfältigen Kulturlandschaften Ressourcen zu schöpfen und zwischen ihnen flexibel zu wechseln, ohne sich für eine Kultur entscheiden zu müssen. Ein Drahtseiltanz könnte doch auch ganz spannend werden.

Alexandra Dornhof


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